Samstag, 15. September 2018

Verwirrt-fasziniert-erschüttert: Mein Tag in Belfast

Mein Tag in Belfast beginnt mit einer Rundfahrt durch alle Teile der Stadt. Stadtführer Rainer beginnt sehr geschickt mit der  Geschichte
der „Troubles“, um die traurigen Kapitel abgehakt zu haben, bevor wir uns am Nachmittag dann mit schöneren Themen beschäftigen dürfen,
wie der Queens Universität, der Burg, dem Botanischen Garten und dem Titanic-Museum. Nun gut, das Kapitel ist auch traurig, aber das
Museum ist toll.
Ich war bereits zweimal in Belfast, aber es ist nicht viel hängen geblieben, außer den Eindrücken von der „Peace Wall“, der Friedensmauer.
Die verwirrte mich schon damals, und ich wusste was da auf mich zukommt, aber wenn man wieder einmal davor steht, dann kann man
einfach nicht begreifen, was da in den Köpfen der Menschen vorgegangen ist und noch vorgeht. Ich darf dazu einen Gedanken auf die Mauer kritzeln. 
Du meine Güte, ich habe mich noch nie auf einem Bauwerk verewigt.
Ich bin erschüttert, daß es wieder einmal die Religion ist, die aus manchen Menschen richtig Böses herausholt, oder besser gesagt, was
Menschen meinen, das ihre Religion von ihnen will.
Da müssen Katholiken vor Protestanten geschützt werden und umgekehrt. Das muß man erstmal sacken lassen. Ich muß mich vor meinem Nachbarn schützen, weil der katholisch ist und ich nicht - oder eben umgekehrt.
Da wird auf einer grünen Wiese ein Mensch erschossen, weil er vielleicht mit einem anderen Ritual seine Messe feiert als der nebenan.
Jemand kommt ihm zu Hilfe und wird dann auch erschossen! Wie kommt man denn nur an einen solchen Punkt in seinem Leben, daß man so handeln kann? Ich kann das alles nicht verstehen!
Kinder müssen geschützt zur Schule geleitet werden und man fühlt sich sicherer mit Mauer als ohne???
All diese Geschichten, die in ihrer drastischen Härte aber mittlerweile vorbei sind, kommen mir in den Sinn während ich diese Mauer ansehe.
Und noch weiter verwirrt mich, wenn unser Stadtführer sehr oft  darauf hinweist, ob wir gerade ein katholisches oder protestantisches Viertel durchfahren.
Die linke Seite so, die rechte so. Beim etwa fünften Wechsel verliere ich die  Orientierung. Wenn ich jetzt auf Wohnungssuche wäre, wüsste ich nicht, wohin mit mir.
In aller Verwirrung bin ich dennoch fasziniert, aber erschüttert-fasziniert, und kann den Blick gar nicht abwenden von den Häusern hinter den Mauern und Gittern. Meine Gedanken fahren Achterbahn. Was denken denn diese Leute in den Häusern? Haben die echt Angst vor dem „anderen“ Nachbarn, der auch gerade einfach ganz friedlich vor seinem Fernseher hockt? Kann doch nicht wahr sein!?

Nun wird es wirklich Zeit, sich etwas Schönerem zu widmen.
Belfast ist in meinen Augen, obwohl es nicht riesig ist, sehr weitläufig. Die sehenswerten Dinge stehen nicht alle um die Ecke, schön aneinander aufgereiht, sondern in alle Himmelsrichtungen versprengt.
Das Uni-Viertel im Süden, die Burg ganz im Norden, das Parlament im Osten.
Ein richtig schöner Wohlfühlort ist die Burg hoch über der Stadt.
Stimmungshebend steht passenderweise gerade ein Dudelsackspieler am Eingang. Ich fürchte jedoch, der war nicht wegen uns dort, sondern für ein Brautpaar. Es gibt aus diesem Anlaß auch noch jede Menge Kleider zu bestaunen, Hüte und „Fascinators“ - das sind diese kleinen Deckelchen oder gedreht-gezwirbelte Wunderwerke auf dem Damenhaupt, die eben nur andeutungsweise ein Hut sein sollen.
11 Katzen sollen im Schloßpark verteilt dekoriert sein, damit es auch in Zukunft für die Besitzer (Besucher auch?) Glück regnet.
Apropos Regen. Der ist heute so gut wie ausgeblieben, obwohl er uns versprochen wurde. Das irische Wetter hält halt auch nicht immer was es verspricht. Zum Glück! Aber da haben wir ja schon die Lösung. Die Katzen im Schloßpark müssen es gewesen sein. Es wirkt also doch auch für Besucher.
„Let´s paint everything green“ ist eigentlich das Motto am St. Patrick´s Day, dem Nationalfeiertag in Irland im März. Am Rathaus in Belfast scheint man das jeden Abend umzusetzen. Es glüht herrlich grün und überrascht uns angenehm schon beim ersten Abendspaziergang.
Auf der Stadtrundfahrt dann sehen wir uns das Ganze von innen an. Mit einem hilfreichen Tipp der erfahrenen Fotografin Margret gelingt mir eine schöne Aufnahme der Kuppel aus perfekter Position.
Die Belfaster Leistungen und Errungenschaften prangen auf Glasmalerei an einem der Fenster. Von der Landwirtschaft über Kunst und Musik bis hin zum Schiffbau ist alles verewigt.
Und was fällt einem ein, wenn man an Schiffbau in Belfast denkt? Das Bild oben verrät es doch schon: TITANIC. Der unsinkbare Luxusliner, der
1912 einem Eisberg zum Opfer gefallen ist, wurde hier erschaffen. Ein Museum dazu ist eine, wenn nicht sogar DIE Attraktion der Stadt. Ein Mitmach-Tempel, äußerlich im Gewand eines Eisbergs, verspricht und hält Erlebnis hautnah. In einer Art Gondel schwebt man durch die Werfthalle und beobachtet die harte Arbeit der Werksleute. Da erzählt einer, daß 54 Wochenstunden ihn beim Hämmern am Ende taub vom elend lauten Umfeld haben werden lassen.
Bemerkenswert ist die Kleidung der augenscheinlichen Befehls- und Auftraggeber: Man delegiert mitten zwischen dem arbeitenden Volk im Anzug mit Hut.
Die Kabinen von der ersten bis zur dritten Klasse kann man ansehen, und ich stelle fest, die zweite Klasse war besser als auf mancher heutigen Fähre.
Die Queens-Universität liegt mitten im Zentrum und hat Anschluß an den botanischen Garten. Was für ein Studentenleben! An dieser Stelle muß auch ich einmal, wie unser Stadtführer, darauf hinweisen, daß mit der „Queen“ die Königin Victoria gemeint ist, und der hat man in Belfast wirklich an jeder Ecke etwas gewidmet: Straßen, Brücken, Statuen, Stadtviertel u.v.m. und das, obwohl ihr Besuch in Belfast gerade einmal drei Stunden gedauert hat. Wir sind übrigens schon einen ganzen Tag da, und was passiert? Natürlich nichts. Wer setzt denn einmal einer deutschen Reisegruppe, die sich redlich müht, hier alles abzuhaken was anzusehen ist, ein Denkmal?
Wir belohnen uns schließlich selbst mit Fish&Chips bei „Fish City“. Fast stilecht wird zwar nicht in Zeitungspapier eingerollt, aber zumindest auf dem neuesten Tagesblatt kredenzt. Erbspüree, Tartarsauce und, wie in Britannien üblich, handgeschnittene Pommes. 
Es war ein sehr schöner Tag, auch wenn der Name des Bieres zum Abendessen etwas anderes vermuten lässt.















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