Essen und Edinburgh halten Leib und Seele zusammen

Das Sprichwort geht eigentlich anders, das ist mir bewusst. 
"Essen und Trinken halten Leib und Seele zusammen." 
Und jetzt kommt eben noch ein „E“ hinzu, denn Edinburgh ist zumindest etwas für die Seele.

Ich habe 5 Tage lang überlegt, über welches Highlight auf dieser Reise ich schnattern soll: Edinburgh oder Essen? Betrachten wir einfach beides zusammen, denn beides zusammen ergab eine wunderbare Reise.
Auch wenn gerade jetzt auf der Rückreise einer meiner Reisegäste meint, er könne das Wort „Essen“ nicht mehr hören, es bleibt ihm nicht erspart, auch noch einen letzten Abend-Imbiss zu verdrücken.
Aber beginnen wir doch bei „A“, wie „Abends vor der Abreise kreiert mein Mann Schnittchen“. Das kann er wirklich sehr gut.
Es entstehen kleine Kunstwerke, manche davon mit Leckereien so hoch aufgetürmt wie das Scott-Monument an der Princes Street.
So, jetzt habe ich wenigstens schon mal die Kurve zur Kultur gemeistert. 
Wir haben nämlich ein Date mit den beiden Stadtteilen Edinburghs, Old Town und New Town. Gut genährt mit Lachsforellenschnittchen, Salami-, Schinken-, Fleischwurst- und Käsebroten in unseren Bäuchen machen wir eine Stadtrundfahrt mit unserem schönen kleinen Minibus.
Und weil wir zwischendurch auch noch leckere Süßigkeiten als Nachtisch hatten, geht der zweite Teil der Besichtigung zu Fuß weiter.
Ich zwinge meine Gäste die ganze „Royal Mile“ rauf, vom Holyrood-Palast bis zur Burg.
Eine Meile, wird jetzt mancher denken, das sind doch nur 1,6 km. Oh nein, meine Lieben. Es ist eine alte schottische Meile, und die hatte 1,8 km! Also 200 Meter mehr Kalorien abtrainieren. Es gibt schlimmere Methoden, sich wieder locker zu machen als eine schön gelegene Stadt abzuwandern.

Aber ob wir denn nicht doch nochmal zwischendurch einkehren und ein kleines Glühweinchen zu uns nehmen?
Bei „Deacon Brodie‘s Tavern“ ist es dann geschehen. Hier gibt es Glüh-Cider, und der ist auch ganz schön klasse wärmend und munter machend.
Es ist schon dunkel, und einige Jahrhunderte zuvor war das die Zeit, in der Deacon Brodie, ein ehrbarer Geschäftsmann bei Tage, des Nachts auf Beutefang ging und in fremde Häuser einbrach. 
Tagsüber fertigte er, wenn seine Kunden gerade etwas anprobierten, heimlich Abdrücke von ihren Haustürschlüsseln in Knetmasse. Ich habe meine Schlüssel wohlweislich im Bus gelassen. Obwohl, der Barkeeper des Deacon Brodie sieht harmlos aus.
Dieser Mr. Brodie soll übrigens die Inspiration zum Buch „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ gewesen sein.
Das passt zur total vergeisterten und durchspukten Stadt Edinburgh.
Hier gibt es alles: Geistermägde, Geisterladies, Geisterhunde, Geistergefolterte und Geistergrafen. Ja, sogar ein Geisterbus soll in der New Town schon gesichtet worden sein. 
Ich schwöre, das waren nicht wir! Wir kennen uns aus und spuken nicht im Dunkeln durch die schottische Hauptstadt.
Es ist Zeit, mal wieder etwas zu essen. Bei Howies in der Victoria Street stehen wir schon eine knappe halbe Stunde vor der vereinbarten Zeit vor der Tür.
Nun ja, so ist das bei uns Deutschen meistens. Immer schon früher anstehen. Aber unser Grund ist ausnahmsweise mal nicht der Hunger - uns ist schlicht und ergreifend kalt.
Doch Howie hat die Tische noch nicht eingedeckt, da gibt es keine Gnade. Eine mehr oder weniger schöne Queue, so heißt die eigentlich vorbildliche Schlange in Großbritannien, bilden wir bis zur vereinbarten Zeit vor der Tür.

Beim Scott-Monument ist ein Fahrgeschäft namens „Star Flyer“ aufgebaut, das ich mir mutig auszuprobieren vorgenommen habe.
Die Karussellkörbchen, in die man förmlich reingequetscht wird, schrappen hoch oben immer haarscharf an einer der gotischen Fialen vorbei. Das wollte ich erleben, und es ist toll!
Was interessiert mich in dem Moment, daß es auf der Welt wohl kein zweites Monument für einen Dichter gibt, das so hoch ist. Ich bin da oben, schwebe über Edinburgh, mit der mutigen Unterstützung einer Mitreisenden, und versuche, ein paar Fotos zu machen.
Hoffentlich fällt mein Handy nicht runter.
Man kann bis zum Forth-Fjord sehen und zum Kingdom of Fife. Die neue Brücke, Queensferry-Crossing, ist fertig. Da bin ich schon drüber gefahren und sehe sie jetzt in der Ferne glitzern. Ja, glitzern, denn es ist astreines Wetter mit blauem Himmel, ohne Wolken und mit einem großen gelben Ball ganz oben über dem Land.
Ein Edinburgher erklärte mir, man nennt es „Sonne“. Also ehrlich, so selten ist die ja nun in Schottland auch nicht zu sehen, daß man sich den Namen dafür immer wieder mal ins Gedächtnis rufen muß, um ihn nicht zu vergessen.

Das Erlebnis ist viel zu schnell vorbei. Ich lande wieder inmitten des Weihnachtsmarktes und stürze mich sogleich auf eine Bude, wo Lachsbrötchen, „Schupf-Noodles“ und „Cheese-Spätzle“ im Angebot sind. Es ist halt ein „German Christmas Market“ in Edinburgh, und viele Aussteller kommen auch aus Deutschland. Hier zahlen wir sogar in Euro, und das 1:1. Das ist ja noch besser als der derzeit wegen Brexit ohnehin schon extrem vorteilhafte Kurs für uns.

Ein Besuch der königlichen Yacht Britannia steht für einige von uns auf dem Programm. 1997 außer Dienst gestellt, fristet der schwimmende Palast jetzt sein Dasein als Museum und ist zur Zeit festlich geschmückt. Daß es hier ein tolles Café gibt, das royales Tea-Time-Feeling zaubert, schlachte ich nicht weiter aus, denn es geht ja hier nicht schon wieder ums Essen.
Obwohl, ein leckerer kleiner Scone wird doch wohl noch erlaubt sein!?
Weiter geht es in die Neustadt. Hier braucht man keine Sorge haben, daß es sich um eine moderne Satellitenstadt oder ähnliches handelt. "Neu" soll hier einfach den Unterschied zur mittelalterlichen Altstadt deutlich machen.
Die Entstehung der Old Town ist ewig her. Ein Gletscher traf einst auf den Basaltfelsen, wo heute die Burg steht und kam nicht weiter. Zumindest nicht als ganzes Stück. In zwei Teile gespalten, schob er sich um den Felsbrocken herum und lagerte dahinter sein Geröll zu einem langen Rattenschwanz ab, auf dem heute die Old Town steht. So simpel - so ausreichend als Erklärung. Menschen kamen, bauten eine Festung auf dem Felsen und Häuser die spätere "Royal Mile" hinab bis zum "Holyrood Palace", den irgendwann ein schottischer König bauen ließ, weil es ihm wohl auf der alten Burg nicht mehr gut genug gefiel.
Und wer meint, Wolkenkratzer wären in Amerika erfunden worden, der irrt gewaltig, denn in der Edinburgher Altstadt gab es die schon im Mittelalter, und zwar bis zum 15 Etagen hoch.
Sie hielten nicht immer und stürzten ein.
Hilfreich war hier der Architekt Patrick Geddes, der vernachlässigte Häuser renovierte, und wo das aussichtslos war, gnadenlos tabula rasa machte und den frei gewordenen Platz durch kleine Grünflächen ersetzte. So findet man heute, wenn man mal durch die kleinen Quergassen, den sogenannten "Closes" spaziert, den einen oder anderen kleinen Garten.
Die Neustadt entstand dann im 18. Jahrhundert im Stil der Klassik. Georgianisch nennt das der Brite, denn Baustile benennt man auf der Insel nach dem jeweils zu der Zeit herrschenden Monarchen.
Ich finde es sehr merkwürdig, daß der Gewinner der Ausschreibung, ein Jungspund von 26 Jahren, dann auch noch alle Straßen und Plätze nach Mitgliedern der königlichen Familie benennt, die gerade eben Schottland die Unabhängigkeit genommen hat. 
George II herrschte gerade, als die finale Schlacht von Culloden zwischen Engländern und Schotten tobte und den Traum von der schottischen Eigenständigkeit endgültig zu Nichte machte.
Da gibt es also jetzt in der Neustadt einen George-Square, eine George-Street, einen Platz, der nach der Monarchengattin Charlotte benannt ist und eine Princes Street noch obendrauf, benannt nach den königlichen Sprösslingen, zu denen die royalen Hannoveraner traditionell ein eher schlechtes Verhältnis hatten. Aber Craig, der Architekt, hat sie mit einer Straße geehrt, die heute die Haupt-Einkaufsmeile ist und allerdings im Kontrast zu den anderen eher hässlich daherkommt.

Aber die Aussicht von dort auf die Gärten in der Kuhle vor dem Burgberg und auf die Burg selbst ist wunderbar. Und daher die Mieten entsprechend hoch.
Soviel Geschichtliches macht wirklich hungrig. Wir haben uns glücklicherweise noch genügend Mettwürstchen aus unserem Bordbestand mitgenommen und auch Schnittchen. Die müssen schließlich weg.
Ein "mulled wine" am Glühweinstand hinterher, und damit Kraft getankt für weitere Highlights der Stadt. 
Ich muß meinen Gästen unbedingt noch mein Lieblingsgeschäft "White Stuff" zeigen, das in Edinburgh einfach traumhaft ausgestattet ist. Echte begehbare Kleiderschränke verbergen hinter der Tür die Umkleidekabinen, und da steht man dann gleich in einer anderen Welt, denn hinter der Schranktür befinden sich unterschiedliche tiefe Räume, die entweder wie ein Badezimmer aussehen, ein Kinderzimmer oder eine Gartenlaube. Hier will man unbedingt etwas anprobieren, aber leider werde ich dieses Mal nicht fündig.
Vollgestopft mit tollen Eindrücken fahren wir zurück in unser Schlosshotel "Carberry Tower". Was jetzt kommt, sollte klar sein: Ein leckeres Abendessen. Das haben wir uns verdient und speisen im Musikzimmer. 
Spätestens jetzt muß man sich deutlich klar machen, an welch historischer Städte wir hier wohnen. Carberry Tower Mansion House gehörte einst dem Bruder der Queen Mum, und es ist völlig klar, daß der ganze royale Clan hier häufig genächtigt hat.
Und wo es Königs ausgehalten haben, kriegen wir das natürlich auch gut hin und genießen viele schöne Räume, Bibliotheken, eine Whisky-Ecke und probieren die ganzen königlichen Stühle und Couchen aus.
Der Blick nach draußen schweift an einem 400-Jahre-alten Baum vorbei. Zeit für einen Spaziergang durch das sehr große Areal bis zu der historischen Stelle, an der Mary, Queen of Scots, einst gefangen genommen wurde, bleibt uns leider nicht.
Aber es ist schon jetzt klar, daß wir in 2020 wieder hier wohnen werden, wenn es zum berühmten Military Tattoo geht.
Auf dem Rückweg stoppen wir in Lindisfarne, über das ich einen separaten Post senden werde. Ein paar Mettwürstchen sind noch vorrätig, und Frikadellen und Kartoffelsalat beschwören die Heimat herauf. 

Unsere Reise, die mit Essen begann, mit Essen aufhörte und zwischendurch viel schönes Edinburgh bereit hielt, geht zu Ende.
Ich freue mich auf 2020, bzw. erst einmal auf den Februar 2019, wo ich wieder dort sein werde, um dann mein Reiseleiterzertifikat für Schottland zu absolvieren.

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